Die Überlieferung behauptet
(bis heute!), dass "drei Hornissenstiche einen Menschen und
sieben ein Pferd töten" könnten. Untersuchungen
des Hornissengiftes haben jedoch ergeben, dass das Hornissengift
nicht toxischer ist als Bienen oder Wespengift eher geringer (HABERMANN
1968, 1975). Nach neueren Untersuchungen (KULIKE 1986) enthält
die Giftblase der Hornisse im Mittel 0,5 mg frisches Giftsekret.
Das durchschnittliche Trockengewicht des Sekretes beträgt
0,19 mg; zum Vergleich: Die Giftblase der Honigbiene enthält
nach HABERMANN (1968) 0,10 mg Gift Trockensubstanz. KULIKE (1986)
erwähnt, dass nach seinen eigenen Untersuchungen an Ratten
und Mäusen Giftmengen von 90 mg frischem Hornissengift je
kg Körpergewicht oder mehr erforderlich sind, um tödliche
Schädigungen zu bewirken. So überlebte ein subadultes
Rattenmännchen die Stiche von 60 Hornissen ohne bleibende
Schäden (KULIKE 1986). Eine 25 g schwere Labormaus überlebte
6 Hornissenstiche; nach 24 Stunden Schlappheit erholte sie sich
(HABERMANN 1978).
Aus
der ehemaligen DDR wurde ein Fall bekannt, wonach eine Frau (hauptsächlich
durch abwehrendes Umsichschlagen im Nestbereich der Hornissen) mindestens 20 und
ihr 4 1/2 jähriger Sohn wenigstens 4 Stiche erhielten und ohne Komplikationen
vertragen haben (RINNHOFER 1983). GOHL (pers. Mitteilung an v. Hagen, 1987) berichtet
von 22 erhaltenen Stichen im Kopfbereich, die er ebenfalls infolge abwehrenden
Umsichschlagens im Nestbereich eines durch Schafe aufgestörten Hornissenvolkes
erhalten und ohne irgendwelche Komplikationen vertragen hat.
Anzumerken ist in beiden Fällen,
dass die Betroffenen entweder gar keine oder nur einen Bruchteil
der tatsächlich erhaltenen Stiche empfangen hätten,
wenn sie sich bei den ersten Anzeichen einer Attacke unverzüglich
ohne stärkere Abwehrbewegungen aus dem Nestbereich der Hornissen
entfernt.
Aus vorstehendem ergibt sich, dass
auch Hornissenstiche nicht anders als beispielsweise Stiche der
Honigbiene zu beurteilen sind. In der "Allgemeinen und speziellen
Pharmakologie und Toxikologie", dem Lehrbuch für Studenten
der Medizin, Chemie, Biologie und Pharmazie, ist daher nach der
Besprechung der speziellen Gifte von Honigbiene, Wespen und der
heimischen Hornisse ausdrücklich folgendes vermerkt: "Keines
der genannten Gifte ist so toxisch, dass tödliche Vergiftungen
des gesunden Erwachsenen zu erwarten sind, selbst nicht nach zahlreichen
Stichen. Das gilt auch für das Hornissengift; zu Unrecht
sagt man diesem von der Ausrottung bedrohten Tier eine besondere
Gefährlichkeit nach." (FORTH et al. 1983: 702)
Nach MÜLLER (1988) besteht die Gefahr
bedrohlicher toxischer Reaktionen nach hymenopterenstichen ab ca. 50 Stichen bei
Kindern und ab 100 bis 500 Stichen hei Erwachsenen. Die oben angeführten
zwei Fälle mit 20 bzw. 22 Hornissenstichen können nach unseren langjährigen
Erfahrungen jedoch von der Anzahl der Stiche her schon als extrem hoch im Hinblick
auf die Möglichkeit des Erhalts von Stichen im Nestbereich aufgestörter
Hornissenvölker angesehen werden, Die Zahl der normalerweise zu erwartenden
Stiche liegt bei etwa eins bis fünf, somit also weit niedriger. Bedrohliche
toxische Erscheinungen nach Hornissenstichen sind daher bei normal empfindlichen
Menschen nur in sehr seltenen Ausnahmefällen zu erwarten. Die Autoren haben
derartige Vorkommnisse noch in keinem Falle beobachten können und auch noch
keine Berichte von dritter Seite darüber erhalten.
Ebenso
wie nach Bienen oder Wespenstichen oder nach Penicillingaben u. a. sind jedoch
auch nach Hornissenstichen allergische Reaktionen möglich, die bis hin zum
manchmal tödlich verlautenden anaphylaktischen Schock gehen können (Merke).
Tödliche Komplikationen sind aber nach wie vor selten. HABERMANN (1975) erwähnt
aufgrund von Berichten aus den Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritannien
für die Stiche aller "stachelbewehrten" Insekten zusammen einen
Risikofaktor von etwa 1 - 5 Millionen bis 1 : 10 Millionen, MÜLLER (1988)
nennt für die (alte) Bundesrepublik Deutschland für die Zeit von 1979
bis 1983 53 Todesfälle als Folge von Insektengiftallergien. Diese Zahl entspricht
0,18 Todesfällen auf 1 Million Einwohner pro Jahr und ergibt einen Risikofaktor
von ca. 1 : 5,66 Millionen. (Vergleiche)
Die verbreitete Furcht vor Insektenstichen steht also in keiner Relation zur tatsächlichen
Gefahr.
Info: Allergische
Reaktion mit Medikamenten
So traurig
auch jeder einzelne Todesfall ist, muß MÜLLER (1988) doch beigepflichtet
werden, wenn er feststellt, dass die Mortalität (sie bezieht sich auf die
Gesamtbevölkerung) an Insektenstichen außerordentlich gering sei. Er
erwähnt ferner, dass auch die Letalität bei den Insektenstichallergikern
entsprechend niedrig sei. Für die Schweiz errechnet er bei einer geschätzten
Häufigkeit der Hymenopterenstichallergie von 5 % die Letalität auf 0,0084
% oder rund 1 Fall auf 100.000 Insektenstichallergiker pro Jahr.
Bei
der großen Mehrzahl der Insektenstichallergien handelt es sich um Komplikationen
nach Bienen und Wespenstichen (vgl. die Aufstellung von MÜLLER 1988: 48).
Hornissenstiche sind sehr viel seltener und lassen sich zudem durch richtiges
Verhalten weitgehend vermeiden, so dass das Risiko noch weiter reduziert ist bzw.
reduziert werden kann.